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Spinnenseide
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Spinnenseide ist ein Naturprodukt der Spinnen, das aus in den SpinndrĂŒsen produzierten Proteinen besteht und außerhalb des Körpers zu Fasern gesponnen wird und mittlerweile auch synthetisch hergestellt werden kann. Die Chemie und Struktur der Spinnenseiden variiert je nach Spinnenart, dem Alter der Spinne, dem Proteinvorrat und der Funktion. Webspinnen produzieren verschiedene Arten von Spinnenseiden mit einem System aus mehreren SpinndrĂŒsen, wobei jede Seidenart fĂŒr eine bestimmte Aufgabe besonders geeignet ist.

Spinnen nutzen Spinnenseide zum Bau von Spinnennetzen, zur Herstellung von AbseilfĂ€den, zum Spinnenflug, zur Abgabe von Botenstoffen, zur Übertragung taktiler Informationen, als Spermiennetz und zu weiteren Zwecken. Ein Netz kann aus bis zu fĂŒnf verschiedenen Seidenarten bestehen, wĂ€hrend andere Seidenarten zum Einwickeln von Beutetieren und als Kokon zum Schutz fĂŒr den Nachwuchs verwendet werden.

Jede Spinnenseidenart setzt sich aus verschiedenen Seidenproteinen zusammen, den Fibroinen, deren Strukturen die Eigenschaften der Seide maßgeblich beeinflussen. Sie ergeben sich aus der Abfolge ihrer AminosĂ€urebausteine, der so genannten PrimĂ€rstruktur, die hĂ€ufig aus einfachen, sich wiederholenden Einheiten besteht. DarĂŒber hinaus spielen die Proteinfaltung und die rĂ€umliche Anordnung der AminosĂ€ureketten, die SekundĂ€r- und TertiĂ€rstruktur, eine wichtige Rolle fĂŒr die Eigenschaften der Seide. Seidenproteine mit einer Faltblattstruktur weisen eine hohe StabilitĂ€t und geringe FlexibilitĂ€t auf, wĂ€hrend Seidenproteine mit vorwiegend spiralförmigen Helixstrukturen eine höhere ElastizitĂ€t besitzen.

Spinnen produzieren Spinnenseiden nach Bedarf. Dazu nutzen sie eine hochkonzentrierte Lösung von flĂŒssigkristallinen Seidenproteinen, die als Spidroinsekrete bezeichnet werden. Die Faserbildung erfolgt außerhalb des Spinnenabdomens beim Herausziehen. Dabei spielen ScherkrĂ€fte sowie die VerĂ€nderungen des pH-Werts und des Salzgehalts im Spinnkanal eine entscheidende Rolle.

Die chemischen, mechanischen und biologischen Merkmale der Spinnenseide werden seit Anfang des 20. Jahrhunderts erforscht. Einige Spinnenseidenarten gehören zu den zĂ€hesten bekannten Biomaterialien und weisen eine höhere Zugfestigkeit, Bruchdehnung und ZĂ€higkeit auf als ein vergleichbarer Strang aus Kevlar oder Stahl. Die ElastizitĂ€t einiger Spinnenseidenarten sorgt dafĂŒr, dass ein Spinnennetz beim Aufprall eines Insekts nicht zerreißt, sondern die kinetische Energie absorbiert. DarĂŒber hinaus sind die FĂ€den biokompatibel, biologisch abbaubar und antibakteriell.

Spinnenseide ist aufgrund ihrer Eigenschaften ein vielversprechendes Material fĂŒr die Materialforschung. Die potentiellen Anwendungsmöglichkeiten sind vielfĂ€ltig und umfassen unter anderem die Herstellung von Textilien, Schutzwesten, Wundabdeckmaterial, biologisch abbaubaren Verpackungen, Kosmetika, biokompatiblem medizinischen Nahtmaterial, Fallschirmen, Airbags und vielen anderen Produkten. Der Einsatz von Spinnen als direkte Seidenproduzenten ist zwar möglich, jedoch aufwĂ€ndig und unwirtschaftlich. Daher werden biochemische und biotechnologische Verfahren zur kĂŒnstlichen Herstellung von Spinnenseide erforscht.

Contents

‱ Geschichte
‱ Verwendung
‱ Bekleidung
‱ Kosmetik
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Geschichte

Nutzungsgeschichte

Spinnenseide wurde schon im antiken Griechenland zur Blutstillung und zur Therapie von Hautverletzungen verwendet.cite-ref-guy-1-0[1] Plinius der Ältere verwendete Spinnennetze bei offenen Wunden und blutigem Ausfluss, Marcellus Empiricus verwendete sie gegen Impetigo contagiosa, einer bakteriellen Hauterkrankung.cite-ref-newmanj-2-0[2]

Zur Behandlung von Warzen wurde in römischer Zeit ein Spinnennetz um die Warze gewickelt und angezĂŒndet. Der griechische Arzt Galenos behandelte Karies mit Spinnenseidenkokons, die er in die KavitĂ€t des kariösen Zahns legte. Weiterhin wurden Dermatophytose und Lepra mit Spinnenseide behandelt. Im 14. Jahrhundert wurden französische Truppen mit Paketen aus Spinnweben ausgerĂŒstet, um Blutungen bei Verwundungen zu stillen. Eine Mischung aus Arsen, Vogelknöterich und Zinnober, vermischt mit Speichel, wurde im 18. Jahrhundert in Frankreich zur Behandlung von Hautkrebs verwendet. Die Mischung wurde auf die Haut aufgetragen und mit einem Spinnennetz bedeckt, um sie an ihrem Platz zu halten.cite-ref-newmanj-2-1[2] Die meisten dieser therapeutischen Anwendungen stehen nicht im Einklang mit den Erkenntnissen der modernen Medizin.

Aborigines benutzten Spinnenseide zum Angeln. Dazu rieben sie Teile des Spinnenkörpers auf die Seide, um kleine Fische anzulocken, die sich in der klebrigen Seide verfingen.cite-ref-guy-1-1[1] Auf den Salomon-Inseln ist die Drachen- oder Kitefischerei auf Hornhechte mit Spinnenseide bis in die Gegenwart verbreitet. Hornhechte haben ein schnabelartig verlĂ€ngertes Maul mit zahlreichen nadelartigen ZĂ€hnen und können nicht mit Angelhaken gefangen werden. Beim Drachenfischen auf Hornhecht wird an einem kleinen Drachen aus PalmblĂ€ttern eine Angelschnur mit einem Köder aus aufgerolltem klebrigem Spinnennetz befestigt. Der Köder taucht hĂŒpfend in die WasseroberflĂ€che ein und imitiert so ein Insekt. Wenn der Hornhecht anbeißt, bleibt er an der klebrigen Masse hĂ€ngen. Dadurch wird der Drachen nach unten gezogen und signalisiert dem Angler, dass der Fisch angebissen hat und eingeholt werden kann.cite-ref-dalzellp-3-0[3]

Optische GerÀte

Bei Arbeiten an einem Kepler-Fernrohr entdeckte der englische Astronom William Gascoigne 1639 zufĂ€llig ein Spinnennetz, das sich an dem gemeinsamen optischen Brennpunkt der beiden Linsen befand. Diese Position der SeidenfĂ€den ermöglichte es, gleichzeitig sowohl die Spinnenseide als auch die Himmelskörper in scharfer Abbildung zu erkennen. Gascoigne erkannte, dass er das Fernrohr genauer ausrichten konnte, wenn er einen so platzierten Faden als Orientierungshilfe benutzte.cite-ref-morgane1-4-0[4] Seine Entdeckung mĂŒndete unter anderem in der Erfindung des Zielfernrohrs, bei dem gekreuzte DrĂ€hte im Brennpunkt das Zentrum des Sichtfelds definieren. Auch wurde das Fernrohr dadurch zu einem Mikrometer, als er zwei FĂ€den mit durch Schrauben verstellbarem Abstand dazu nutzte, Planetendurchmesser zu bestimmen.cite-ref-brooksrc-5-0[5]

Im 18. Jahrhundert wurden SilberfĂ€den von achromatischen Fernrohren, die nicht die gewĂŒnschte Dicke aufwiesen, oft durch Spinnenseide ersetzt, die in verschiedenen StĂ€rken erhĂ€ltlich war.cite-ref-helfenzriederje-6-0[6] Keuffel and Esser Co., ein US-amerikanisches Unternehmen fĂŒr ZeichengerĂ€te und Zubehör, beschĂ€ftigte von 1889 bis zum Zweiten Weltkrieg die „Spider Lady“ Mary Pfeiffer, die fĂŒr das Unternehmen eine Spinnenfarm betrieb. Sie gewann dort SeidenfĂ€den, aus denen Fadenkreuze fĂŒr optische GerĂ€te wie Mikroskope und Teleskope oder fĂŒr GeschĂŒtze in Flugzeugen und U-Boote hergestellt wurden.cite-ref-morgane1-4-1[4]

In den 1940er Jahren befand sich in der Stadt Yucaipa, Kalifornien, die grĂ¶ĂŸte Spinnenfarm der USA. Die Besitzerin Nan Songer hielt dort etwa 10.000 Spinnen, vor allem der Arten SĂŒdliche Schwarze Witwe, Argiope trifasciata und Araneus gemmoides, aus denen sie Seide fĂŒr militĂ€rische Zwecke gewann, unter anderem fĂŒr die Fadenkreuze der BombenzielgerĂ€te. Songer benutzte eine weiche KamelhaarbĂŒrste, um die Spinnwarzen zu stimulieren, bis sich ein Abseilfaden bildete. Jeder Spinne konnte bis zu 25-mal ein Faden entnommen werden, wobei ein mehrtĂ€giges Aushungern der Spinne zu einem Faden mit weniger Verunreinigungen fĂŒhrte. Die Spinnen gewöhnten sich an diesen Vorgang und wurden „so gefĂŒgig wie alte MilchkĂŒhe, insbesondere die Schwarzen Witwen.“ (Nan Songer: cite-ref-turners-7-0[7]).

DarĂŒber hinaus erstellte sie in Zusammenarbeit mit dem National Bureau of Standards eine standardisierte Liste von Spinnenseiden von „extrafein“ mit 0,5 Mikrometern bis „extrastark“ mit 5 Mikrometern Durchmesser. FĂŒr Instrumente, die besonders feine Spinnenseide benötigten, lieferte sie Babyspinnenseide mit einem Durchmesser von nur 0,05 Mikrometern, die fast unsichtbar war.cite-ref-turners-7-1[7] Noch Ende des 20. Jahrhunderts hielten einige MilitĂ€reinrichtungen eine Schwarze Witwe als Seidenlieferant fĂŒr die Reparatur von Fadenkreuzen in alten optischen Instrumenten.cite-ref-lewisr-8-0[8]

Textile Nutzung

In vorkolonialer Zeit wurde fĂŒr die Merina-Könige die Seidenlamba, ein traditionelles KleidungsstĂŒck Madagaskars, aus Spinnenseide gewebt.cite-ref-griveaudp-9-0[9] Dazu wurde die orange-goldene Seide der Nephila madagascariensis verwendet, einer großen Spinne, die in den WĂ€ldern von Madagaskar auf BĂ€umen lebt.cite-ref-campbellg-10-0[10] Eine weibliche Spinne produziert im Laufe eines Monats etwa 3650 Meter Spinnenseide und stirbt dann.cite-ref-matthewsjm-11-0[11]

Die erste schriftliche ErwĂ€hnung des Sammelns von Spinnenseide stammt aus dem Jahr 1621. Der italienische Arzt und Philosoph Epifanio Ferdinando berichtet in seinem Werk Centum Historiae, dass es Girolamo Marciano gelungen sei, 450 Gramm Spinnenseide von der Tarantel zu sammeln, die diese fĂŒr den Bau von Kokons zum Schutz ihrer Nachkommen verwendet.cite-ref-peers-12-0[12]

Weitere Versuche zur Gewinnung von Spinnenseide fĂŒr die Herstellung von Stoffen gehen auf den Franzosen François-Xavier Bon de Saint-Hilaire zurĂŒck, zur damaligen Zeit PrĂ€sident des Rechnungshofs von Montpellier. Er entwickelte 1709 ein Verfahren zur Gewinnung von Spinnenseide aus Kokons von einheimischen Spinnen. Die Kokons wurden zunĂ€chst gekocht, gewaschen und getrocknet. Aus den Kokons erhielt er durch AuskĂ€mmen Spinnenseide, die er verspinnen und zu KleidungsstĂŒcken verweben konnte.cite-ref-morgane-13-0[13]

Am 5. Dezember 1709 prĂ€sentierte Bon seine Ergebnisse in einem Aufsatz mit dem Titel Sur l’utilitĂ© de la soye des araignĂ©es (Über die NĂŒtzlichkeit der Spinnenseide) in Montpellier, wo er sowohl StrĂŒmpfe als auch Handschuhe aus Spinnenseide prĂ€sentierte. Sein Aufsatz wurde zudem in der AcadĂ©mie Royale in Paris vorgelesen.cite-ref-dahlf-14-0[14] RenĂ©-Antoine Ferchault de RĂ©aumur wurde beauftragt, Bons Entdeckung auf die Möglichkeit hin zu untersuchen, daraus eine gewinnbringende Industrie aufzubauen. RĂ©aumur kam jedoch zu dem Schluss, dass die Kosten fĂŒr die Haltung der Spinnen und die Gewinnung der Seide in keinem VerhĂ€ltnis zu ihrem Wert stĂŒnden. Nach den Berechnungen von RĂ©aumur, der die unterschiedliche Ausbeute großer und kleiner Spinnen berĂŒcksichtigte, wĂ€ren 663.552 Spinnen nötig, um ein Pfund Spinnenseide zu gewinnen. Möglicherweise gĂ€be es jedoch in Übersee grĂ¶ĂŸere Spinnen, die mehr Seide liefern könnten.cite-ref-peers-12-1[12]

Der spanische Jesuitenpater Raimondo Maria de Termeyer setzte die Versuche zur Herstellung von Spinnenseide fort. Ohne die Arbeiten von Bon oder RĂ©aumur zu kennen, begann er 1760 mit dem Sammeln von Spinnenkokons zur Seidengewinnung. Er konstruierte KĂ€sten mit 68 Zellen, in denen er Spinnen halten konnte, und sammelte eine betrĂ€chtliche Menge an Kokons. 1762 erhielt er den Auftrag, sich der Jesuitenmission in SĂŒdamerika anzuschließen, wo er 1763 in der Intendencia de CĂłrdoba del TucumĂĄn, einem Teilstaat der Vereinigten Provinzen des RĂ­o de la Plata, eintraf. WĂ€hrend dieser Zeit lernte er die Arbeiten von Bon und RĂ©aumur kennen. Wie RĂ©aumur vorausgesagt hatte, gab es dort große Spinnen, die fĂŒr die Gewinnung von Spinnenseide besser geeignet waren als die europĂ€ischen Spinnen.cite-ref-peers-12-2[12]

Als er nach Europa zurĂŒckkehren musste, setzte er dort seine Forschungen fort. Um die QualitĂ€t der Spinnenseide zu verbessern, beschloss Termeyer 1796, die Seide nicht mehr aus dem Kokon, sondern direkt aus der Spinne zu gewinnen. Dazu konstruierte er ein kleines Gestell aus Kork und Metall, mit dessen Hilfe er die Kopfregion vom Abdomen separieren konnte, wĂ€hrend eine Spulmaschine die Seide direkt aus den SpinndĂŒsen der Spinne zog.

„Ich habe auch eine Methode gefunden, mit der ich die Seide leicht entnehmen oder von der SpinndrĂŒse abziehen kann. Ich prĂ€sentiere ihm eine Fliege, er nimmt sie schnell mit den Palpi und dreht sie um, als ob er sie umhĂŒllen wĂŒrde. Ich hebe den Hinterleib, und bei der ersten BerĂŒhrung öffnet er die SpinndrĂŒse und lĂ€sst eine FĂŒlle von Seide austreten. Dann befestige ich das Ende der Seide an einer kleinen Spule von viereinhalb Zoll Durchmesser mit zylindrischen Glasarmen, die ich langsam drehe und die Seide der Spinne wie die des Kokons aufwickle.“

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Raimondo Maria de Termeyer

Termeyer versuchte, diese Methode auf ein Mehrfachspinnsystem zu ĂŒbertragen, bei dem mehrere Spinnen befestigt und die Seide von ihnen gleichzeitig abgewickelt werden konnte. Diese Idee wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts in Madagaskar aufgegriffen.cite-ref-peers-12-3[12]

Um ebenfalls Spinnenseide direkt aus der Spinne zu gewinnen, entwickelte der Erfinder Daniel Rolt nach eigenen Angaben ein GerĂ€t, mit dem er in zwei Stunden ĂŒber 5000 Meter Seide von zwei Dutzend Spinnen aufspulen konnte. Er wurde dafĂŒr 1830 von der Royal Society of Arts mit einer Silbermedaille ausgezeichnet.cite-ref-morgane-13-1[13] Weitere Versuche zur Gewinnung von Spinnenseide unternahm 1863 der auf Folly Island in South Carolina stationierte Chirurg Burt Green Wilder. Bei einem Spaziergang entdeckte er eine große Seidenspinne, die in einem goldfarbenen Netz saß. Wilder fing die Spinne und brachte sie in sein Zelt. Als die Spinne von seinem Ärmel fiel, ergriff er ihren Abseilfaden und wickelte mit einem Federkiel innerhalb von eineinhalb Stunden 137 Meter Spinnenseide auf. Zu diesem Zeitpunkt glaubte Wilder, der Erste zu sein, dem dies gelungen war.cite-ref-peers-12-4[12]

Da die Spinnenseide zum Weben zu dĂŒnn war, entwickelte er eine Vorrichtung, mit der er von mehreren Spinnen gleichzeitig Seide gewinnen und zu einem dickeren Strang zusammendrehen konnte. Allerdings waren viele Spinnen in dieser Vorrichtung zusammengedrĂ€ngt und neigten dazu, sich gegenseitig zu fressen.cite-ref-wilderbg-16-1[16] Anhand der gewonnenen Seidenmenge berechnete er, dass er etwa 5000 Spinnen brĂ€uchte, um genĂŒgend Material fĂŒr ein Kleid zu gewinnen.cite-ref-morgane-13-2[13] SpĂ€ter entdeckte Wilder Termeyers Schriften, die er ĂŒbersetzte und 1866 unter dem Titel Researches and Experiments upon Silk from Spider and upon their Reproduction (Untersuchungen und Experimente ĂŒber Seide von Spinnen und deren Fortpflanzung) veröffentlichte.cite-ref-determeyerrm1-17-0[17] Ferner veröffentlichte er eine Reihe von Artikeln ĂŒber seine Erfahrungen in verschiedenen wissenschaftlichen Zeitschriften.cite-ref-peers-12-5[12]

Der französische Jesuitenpater und Spinnenforscher Paul CambouĂ© versuchte Ende des 19. Jahrhunderts erfolglos, eine Spinnenseidenindustrie in Madagaskar aufzubauen. Nephila madagascariensis lieferte bei einer Entnahme zwischen 150 und 600 Meter Seidenfaden, die innerhalb eines Monats fĂŒnf- bis sechsmal entnommen werden konnte. Die Gewinnung des Materials war jedoch teuer und konnte nicht mit gewöhnlicher Seide konkurrieren.cite-ref-fischere-18-0[18]

Nachdem Madagaskar 1895 von Frankreich erobert wurde, grĂŒndete die Kolonialregierung die École Professionnelle in Antananarivo, die von Antoine Jully geleitet wurde. Dort zĂŒchtete er in einer Versuchsanlage Seidenspinnen, denen der Faden kĂŒnstlich entnommen wurde. Nach CambouĂ©s Vorbild sollte dort Spinnenseide in großem Maßstab hergestellt werden. Dazu wurde eine Vorrichtung benutzt, mit der zwölf Spinnen gleichzeitig der Faden entnommen und gezwirnt werden konnte. Der Faden wurde auf einer normalen Spinnmaschine spĂ€ter verdoppelt, um einen Faden mit 24 StrĂ€ngen zu erhalten. Dazu wurden in manchen Monaten ĂŒber 10.000 Spinnen gesammelt. In einem Jahr wurden so 175.000 Meter 12-fĂ€diges Garn gewonnen. Aus diesem Garn wurden fĂŒr die Weltausstellung in Paris 1900 BehĂ€nge fĂŒr ein von einheimischen Handwerkern gefertigtes Bett hergestellt, dessen Spinnenseidentuch in der Presse mit begeisterten Worten beschrieben wurde.cite-ref-peers-12-6[12]

Der TextilkĂŒnstler Simon Peer und der Unternehmer Nicholas Godley begannen 2004 mit der Gewinnung von Spinnenseide aus lebenden Seidenspinnen. In Madagaskar ließen sie mehr als eine Million Seidenspinnen sammeln und gewannen daraus Spinnenseide. Es dauerte acht Jahre, um genug Seide fĂŒr einen 1,5 Kilogramm schweren goldenen Umhang zu gewinnen, der in verschiedenen Museen ausgestellt wurde.cite-ref-kennedym-19-0[19] Die Anzahl der benötigten Spinnen entsprach damit der GrĂ¶ĂŸenordnung, die RĂ©aumur bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts berechnet hatte.cite-ref-peers-12-7[12] FĂŒr das Sammeln der Spinnenseide ist es zudem erforderlich, die Spinne durch AbkĂŒhlung zu betĂ€uben. Anschließend werden die Spinnwarzen mit einer kleinen BĂŒrste stimuliert, um die Faserproduktion anzuregen. Dieser Prozess muss fĂŒr jede Spinne individuell durchgefĂŒhrt werden.cite-ref-glisovica-20-0[20]

Forschungsgeschichte

Die ersten chemischen Untersuchungen von Spinnenseide der Spinne Nephila madagascariensis aus Madagaskar fĂŒhrte Emil Fischer im Jahr 1907 durch. Fischers Analysen ergaben, dass Spinnenseide eine Proteinfaser ist, die hauptsĂ€chlich aus AminosĂ€uren besteht, jedoch keinen Seidenleim wie die Seide der Seidenspinnerraupe enthĂ€lt. Als Hauptbestandteile wurden die AminosĂ€uren Glycin, Alanin, Leucin, Prolin, Tyrosin sowie ein relativ hoher Gehalt an GlutaminsĂ€ure bestimmt, die in gewöhnlicher Seide nicht gefunden wurde. Weitere Bestandteile waren DiaminosĂ€uren wie Arginin sowie im geringeren Maße FettsĂ€uren und Calcium-, Phosphor- und Schwefelkompenten.cite-ref-fischere-18-1[18]

| AminosÀure | Anteil in [%] | Einbuch- stabencode | Strukturformel |
|---|---|---|---|
| Glycin | 35,13 | G | |
| Alanin | 23,4 | A | |
| GlutaminsÀure | 11,7 | E | |
| Tyrosin | 8,2 | Y | |
| Arginin | 5,24 | R | |
| Prolin | 3,68 | P | |
| Leucin | 1,76 | L | |

In den 1950er und 1960er Jahren wurde die AminosĂ€urezusammensetzung der Fibroine verschiedener Spinnenseiden genauer untersucht und die Endgruppen und die durchschnittliche molare Masse bestimmt. Es wurde festgestellt, dass das Fibroin in der SpinndrĂŒse eine viel geringere molare Masse hatte, und es wurde erkannt, dass neue Bindungen geknĂŒpft werden, wenn der Faden von der SpinndĂŒse abgezogen wird.cite-ref-braunitzerg-21-0[21]cite-ref-fischerfg-22-0[22] Röntgenuntersuchungen der Spinnenseiden zeigten, dass sie aus verschiedenen Typen von Fibroinen aufgebaut waren, die röntgenografisch unterschieden werden konnten. Die Fibroine bestanden aus antiparallel gefalteten Polypeptidketten, wobei die Unterschiede zwischen den Fibroinen auf die Variation der AminosĂ€uresequenzen zurĂŒckgefĂŒhrt wurden. Zudem wurde der repetitive Aufbau von Proteinketten mit glycin- und alaninreichen DomĂ€nen erkannt und die besonderen mechanischen Eigenschaften der Spinnenseiden untersucht.cite-ref-warwickerjo-23-0[23]cite-ref-marshre-24-0[24]

Anfang der 1980er Jahre ergab eine Molmassenbestimmung des Major-Ampullate-Spidroins der Goldenen Seidenspinne mittels SDS-PAGE eine molare Masse von 326.000 Gramm pro Mol oder 326 Kilodalton. SDS-Page ist eine analytischen Methode zur Auftrennung von Stoffgemischen nach der molarer Masse im elektrischen Feld.cite-ref-candelasgc-25-0[25]

Die Sequenzierung von NukleinsĂ€uren ist gewöhnlich schneller als die Proteinsequenzierung. Da die AminosĂ€uresequenz und die Basensequenz komplementĂ€re Informationen liefern, wird ĂŒblicherweise die Nukleotidsequenz des entsprechenden Gens bestimmt.cite-ref-voetd-26-0[26] In den 1990er Jahren gelang so die Bestimmung der repetitiven Sequenz eines Spidroins aus der Major-Ampullate-Seide der Spinne Nephila clavipes mit Hilfe eines partiellen cDNA-Klons.cite-ref-xum-27-0[27] Somit gelang es, die Eigenschaften der Spinnenseide mit der MolekĂŒlgeometrie zu erklĂ€ren. Mit der Isolierung von cDNA begannen Versuche, Spinnenseidenproteine rekombinant herzustellen und kĂŒnstliche Spinnenseiden zu gewinnen. Erste Ergebnisse zeigten, dass sich die so gewonnenen Spinnenseiden-Proteinfragmente mit herkömmlichen Spinntechniken nicht zu Fasern verspinnen lassen. Es zeigte sich, dass die mechanischen Eigenschaften der Spinnenseide nicht nur durch die AminosĂ€uresequenz festgelegt sind, sondern auch durch die Prozesse, die im Spinnapparat ablaufen. Es wurde zudem deutlich, dass die GrĂ¶ĂŸe und die sich wiederholenden Gene der Spinnenseide es schwierig machen, sie in Expressionssystemen wie Bakterien zu erhalten.cite-ref-fudgeds-28-0[28] Die 1993 gegrĂŒndete Unternehmen „Nexia Biotechnologies“ injizierte Gene der Seidenspinne in MĂ€useembryonen und spĂ€ter in Ziegen. Die gentechnisch verĂ€nderten Ziegen lieferten Milch, aus der Spinnenseidenproteine gewonnen werden konnten.cite-ref-helmanc-29-0[29]

Biosynthese

Der Bau eines Radnetzes der Gartenkreuzspinne mit 18 Zentimetern Durchmesser benötigt insgesamt etwa 18 Meter Spinnenseide, wobei der Hinterleib mit den SpinndrĂŒsen lediglich etwa 10 Millimeter lang und 7 Millimeter breit ist, die entsprechenden SpinndrĂŒsen sind nochmals kleiner. Die Spinne ist in der Lage, das Netz ohne Nahrungsaufnahme vier bis sechsmal zu erneuern.cite-ref-floerikek-30-0[30]

Die Bildung einer festen Faser aus einem löslichen Spinnenseidenprotein erfolgt in der Natur durch komplexe biochemische und physikalische Prozesse. ZunĂ€chst wird ein lösliches prepolymeres Vorprodukt in spezialisierten SpinndrĂŒsen produziert und gespeichert. Der Ă€ußere Teil der DrĂŒsen wird als Spinnwarze bezeichnet.cite-ref-nentwigw-31-0[31]

Kreuzspinnen besitzen etwa 850 Spinnspulen. Diese sitzen auf den paarweise angeordneten Spinnwarzen am Hinterleibsende. Die Seide der PiriformdrĂŒse wird ĂŒber 500 Spinnspulen der vorderen Spinnwarzen, die Aciniformseide ĂŒber 14 Spinnspulen der mittleren Spinnwarze und 300 Spinnspulen der hinteren Spinnwarze ausgestoßen. Die Seide der Großen AmpullendrĂŒse wird ĂŒber zwei Spinnspulen der vorderen Spinnwarze, die der Kleinen AmpullendrĂŒse ĂŒber zwei Spinnspulen der mittleren Spinnwarze ausgestoßen. Die Tubuliformseide wird ĂŒber sechs Spinnspulen ausgestoßen, davon zwei an der mittleren Spinnwarze und vier an der hinteren Spinnwarze. Die Aggregatseide wird ĂŒber vier Spinnspulen an der hinteren Spinnwarze, die flagelliforme Seide ĂŒber zwei Spinnspulen ebenfalls an der hinteren Spinnwarze ausgestoßen.cite-ref-nentwigw-31-1[31]

Die Bildung der Major-Ampullate-Seide in der Großen AmpullendrĂŒse wurde eingehend untersucht. Die DrĂŒse lĂ€sst sich in vier Zonen unterteilen: einem DrĂŒsenfortsatz, dem DrĂŒsenkörper und einem S-förmigen Spinnkanal, der in einer Spinnspule endet. Im DrĂŒsenfortsatz befinden sich Epithelzellen, die Spidroin-Proteine produzieren und diese ĂŒber sekretorische Vesikel unter Proteinakkumulation in den DrĂŒsenkörper abgeben. In den SpinndrĂŒsenzellen produziert das endoplasmatische Retikulum die Seidenproteine, der Golgi-Apparat spielt keine Rolle.cite-ref-strebleh-33-0[33]

Nach der Mizellentheorie dimerisieren diese Spidroin-Proteine unter Bildung eines amphiphilen MolekĂŒls. Die Dimerisierung erfolgt ĂŒber eine DisulfidbrĂŒcke im C-Terminus. Die dimerisierten Proteine liegen im DrĂŒsenkörper in hochkonzentrierter Form vor und bilden bei neutralem bis leicht basischen pH-Wert Mizellen.cite-ref-heimm-34-0[34] Wird die FlĂŒssigkeit in den Spinnkanal gedrĂŒckt, findet in einem pH-Gradienten unter Dehydratisierung und Ionenaustausch ein PhasenĂŒbergang von einer flĂŒssigkristallinen Phase zum Feststoff statt.cite-ref-crawfordt-35-0[35]

Der S-förmige Spinnkanal der großen AmpullendrĂŒse, der fĂŒr die Ausrichtung der Seidenfaser verantwortlich ist, lĂ€sst sich wiederum in drei Abschnitte einteilen, wobei die Kurven die Abschnitte unterteilen. Der Spinnkanal verengt sich von einem Durchmesser von etwa 100 Mikrometer auf kleiner 10 Mikrometer an der Spule. In jedem Abschnitt haben die SpidroinmolekĂŒle eine andere Orientierung. Beim Durchlaufen des Spinnkanals richten sich die Spinnenseidenproteine zunĂ€chst parallel aus und bilden im ersten Abschnitt eine nematische Phase. Im zweiten Abschnitt des Spinnkanals ordnen sie sich zu Doppelschichten an.

Im dritten Abschnitt des Spinnkanals findet eine KonformationsĂ€nderung von einer Random-Coil-Konformation zu ÎČ-Faltblattstrukturen statt, die durch das Absinken des pH-Werts der Spinnlösung unterstĂŒtzt wird. Dadurch wird die GlutaminsĂ€ure der Spinnenseidenproteine neutralisiert, die unter physiologischen Bedingungen deprotoniert als Glutamat vorliegt. Durch die Neutralisation werden die abstoßenden Wechselwirkungen der negativ geladenen Carboxylatgruppen aufgehoben, was die Ausrichtung der SeidenmolekĂŒle zu ÎČ-FaltblĂ€ttern begĂŒnstigt.cite-ref-tokarevao-36-0[36]

Im hinteren Teil des Spinnkanals geliert die Spinnlösung unter Erhöhung der ViskositĂ€t. In Verbindung mit einer dort schnelleren Strömung unterstĂŒtzt dies die Verstreckung der Faser. Die den DrĂŒsenkanal umgebende Schicht hat die Struktur einer Dialysemembran und ermöglicht den Epithelzellen mit Mikrovilli am DrĂŒsenkanalausgang eine rasche Wasseraufnahme und Änderung der Ionenzusammensetzung wĂ€hrend des Spinnprozesses.cite-ref-heimm-34-1[34]

Die SpinndrĂŒsen besitzen keine Auspressmuskulatur. Die Seide kann durch eine Erhöhung des hydrostatischen Drucks der HĂ€molymphe, durch aktives Ziehen der Hinterbeine, durch Fallenlassen oder Laufen aus den Spinnspulen austreten.cite-ref-strebleh-33-1[33] Die als Ventil bezeichnete Struktur dient wahrscheinlich dazu, die Faser vorzuschieben, um die Faserbildung nach einem inneren Fadenbruch wieder aufzunehmen, wobei der Ventildurchmesser die Fadendicke beeinflusst.cite-ref-strebleh-33-2[33]cite-ref-vollrathf1-37-0[37]

Spinnenseidentypen

Alle Spinnen produzieren Seide und nutzen verschiedene Seidenarten auf vielfĂ€ltige Weise.cite-ref-dimitrovd-38-0[38] Attercopus, eine ausgestorbene Gattung frĂŒher Spinnentiere der Ordnung Uraraneida, die vor etwa 390 Millionen Jahren im Devon lebte, wird als einer der frĂŒhesten bekannten Verwandten der modernen Spinnen angesehen. Es handelte sich nicht um eine echte Spinne, aber Attercopus besaß bereits die FĂ€higkeit, Spinnenseide zu produzieren. Ihr fehlten jedoch einige Merkmale moderner Spinnen, darunter die Spinnwarzen.cite-ref-seldenpa-39-0[39]

Die Àlteste nachgewiesene Vogelspinnenart stammt aus der Trias, wÀhrend die Àlteste sicher beschriebene Echte Webspinne aus der Jurazeit stammt. Fossilien echter Netzspinnen aus der Kreidezeit belegen eine rezente Spinnenfauna in dieser Zeit. Insgesamt war die Spinnenfauna des TertiÀrs fast identisch mit der heutigen.cite-ref-seldenpa-39-1[39]

Alle Spinnen produzieren verschiedene Arten von Spinnenseide, wobei einige Seidenarten und die damit verbundenen Proteine auf bestimmte Abstammungslinien beschrĂ€nkt sind. Ein Beispiel ist die Entwicklung der Aggregatseide, die fĂŒr Radnetzspinnen charakteristisch ist. Der damit verbundene Übergang von horizontalen zu vertikalen Fangnetzen und der dadurch ermöglichte Beutefang fliegender Insekten wird als die evolutionĂ€re Innovation angesehen, die fĂŒr die hohe DiversitĂ€t dieser Überfamilie verantwortlich ist.cite-ref-dimitrovd-38-1[38]

Viele fossile Spinnen liegen als EinschlĂŒsse in Bernstein vor. Die Ă€ltesten bekannten EinschlĂŒsse von Spinnenseide in Bernstein sind etwa 140 Millionen Jahre alt und stammen aus der frĂŒhen Kreidezeit.cite-ref-brasierm-40-0[40] Die entscheidenden AminosĂ€uresequenzen der Spidroine der Radnetzspinnen haben sich ĂŒber 125 Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte erhalten. Dies deutet darauf hin, dass diese Sequenzen fĂŒr die mechanischen Eigenschaften der Radnetzspinnenseide entscheidend sind.cite-ref-gatesyj-41-0[41]

In Jahrmillionen der Evolution bildeten die Webspinnen sieben verschiedene Seidentypen aus, die von unterschiedlichen SpinndrĂŒsen fĂŒr unterschiedliche Zwecke produziert werden. Im World Spider Catalog des Naturhistorischen Museums Bern waren im MĂ€rz 2025 ĂŒber 52.000 anerkannte Webspinnenarten verzeichnet.cite-ref-wsc-42-0[42] Die große Artenvielfalt von Spinnen lĂ€sst sich möglicherweise durch mehrere bedeutende Artbildungsereignisse in Zusammenhang mit der Entwicklung neuer Typen von SpinndrĂŒsen und Spinnenseidenarten erklĂ€ren, da neue Seidenarten entscheidende VerĂ€nderungen der Seidennutzung erlaubten.cite-ref-bargelh-43-0[43]

Der einfach gebaute Spinnapparat der vogelspinnenartigen Spinne Antrodiaetus unicolor besteht aus einer einzigen SeidendrĂŒse, die zwei Arten von Proteinen produziert, die ĂŒber zwei Paare von Spinnwarzen abgesondert werden. Die Seide ist zweischichtig aufgebaut und besteht aus einem Kern und einer Ă€ußeren Schicht.cite-ref-craigcl-44-0[44] Der Spinnapparat höher entwickelter Spinnen besteht aus bis zu sieben verschiedenen DrĂŒsen, die sich morphologisch und histologisch unterscheiden. Dazu gehören die Kleine und die Große AmpullendrĂŒse, die AciniformdrĂŒse, die TubuliformdrĂŒse, die AggregatdrĂŒse, die PiriformdrĂŒse und die FlagelliformdrĂŒse, die manchmal als CoronatadrĂŒse bezeichnet wird. Jede DrĂŒse besitzt einen Spinnkanal, der zu einer Spinnwarze fĂŒhrt, in der die SeidenfĂ€den durch mehrere, manchmal bis zu mehreren hundert Spindeln gefĂŒhrt werden.cite-ref-petershm-45-0[45]

Major-Ampullate-Seide

Die Major-Ampullate-Seide wird beim Spinnennetzbau fĂŒr die Konstruktion des Rahmens und der Speichen verwendet. DarĂŒber hinaus wird sie als Abseilfaden, zur Absicherung und fĂŒr den Spinnenflug genutzt. Nach ihrer Verwendung wird sie daher als Rahmen-, Abseilfaden-, Zugleinen- oder Schleppseilseide bezeichnet, wobei der entsprechende englische Begriff „Dragline-Seide“ ebenfalls gebrĂ€uchlich ist.cite-ref-hagnf-46-0[46]

Sie wird in der Großen AmpullendrĂŒse gebildet und besteht zum Beispiel bei der Goldenen Seidenspinne (Nephila clavipes) hauptsĂ€chlich aus zwei Strukturproteinen, die als die Major-Ampullate-Spidroine, einem Kofferwort aus Spider (engl. fĂŒr ‚Spinne‘) und Fibroin, Spidroin 1 (MaSp1) und Spidroin 2 (MaSp2) bezeichnet werden.cite-ref-lij-47-0[47] Mit einem Durchmesser von etwa 3 bis 5 Mikrometern ist sie die breiteste Faser der Goldenen Seidenspinne. Die Fibroine des Abseilsfadens aus der Großen AmpullendrĂŒse der Gartenkreuzspinne (Araneus diadematus) werden als Araneus-Diadematus-Fibroin-3 (ADF-3) und Araneus-Diadematus-Fibroin-4 (ADF-4) bezeichnet.cite-ref-belbeochc-48-0[48] Die Analyse der AminosĂ€urezusammensetzung des Abseilfadens von Goldener Seiden- und Gartenkreuzspinne ergab ein molekulares VerhĂ€ltnis von etwa 3 : 2 zwischen MaSp1 und MaSp2 beziehungsweise zwischen ADF-4 und ADF-3.cite-ref-scheibelt-49-0[49] Da Spinnen bei der Fortbewegung permanent einen Schleppseilfaden aus Major-Ampullate-Seide zur Absicherung spinnen, kann durch gleichmĂ€ĂŸiges Abziehen dieses Fadens eine grĂ¶ĂŸere Menge dieser Seide gewonnen werden.

Flagelliforme- und Aggregatseide

Die flagelliforme- und die Aggregatseiden bilden die FĂ€den der Fangspirale des Netzes. Die flagelliforme Seide selbst ist nicht klebrig. Ecribellate Spinnen bringen daher eine Schicht aus klebriger, wasserlöslicher Aggregatseide auf die flagelliforme Seide der Fangspirale auf, um die Beute im Netz zu halten. Die Spinnwarze der FlagelliformdrĂŒse ist dazu zwischen zwei Spinnwarzen der AggregatdrĂŒse angebracht. Beim Ausstoß der Spiralfaser wird gleichzeitig die klebrige Beschichtung aufgebracht. Die Aggregatseide bedeckt die Faser zunĂ€chst gleichmĂ€ĂŸig, bildet jedoch aufgrund der Rayleigh-InstabilitĂ€t spontan eine Reihe von relativ gleichmĂ€ĂŸig verteilten Tröpfchen.cite-ref-sahniv-50-0[50] Die Aggregatseide hat viskoelastische Eigenschaften und hĂ€lt so die physikalische Verbindung zum Fangfaden aufrecht, wenn sie mit Beute in BerĂŒhrung kommt. Die Aggregatseide besteht aus einer inneren Schicht aus Glykoproteinen und einer Ă€ußeren Schicht aus niedermolekularen Verbindungen und Salzen. Die Ă€ußere Schicht ist hygroskopisch und nimmt Wasser aus der AtmosphĂ€re auf, wodurch die Solvatisierung der Glykoproteine unterstĂŒtzt wird. Eine hohe Luftfeuchtigkeit erhöht daher die Klebekraft.cite-ref-heinritzc-51-0[51]

Durch die Kombination aus der StĂ€rke und Steifigkeit der Rahmenseide und der Dehnbarkeit der FĂ€den der Fangspirale kann die kinetische Energie von fliegenden Insekten, die auf das Netz treffen, absorbiert werden. Die klebrige Aggregatseide hĂ€lt die Insekten lange genug fest, um von den Spinnen gefunden und gefangen zu werden. Die verschiedenen mechanischen und chemischen Eigenschaften der Netzseiden haben einen synergetischen Effekt, der die cribellaten FĂ€den beim Fangen von Beutetieren ĂŒbertrifft.cite-ref-sahniv-50-1[50]

Die Klebetröpfchen der Bolaspinnen sind eine Sonderform der Aggregatseide. Die Klebetröpfchen enthalten ein Sexualpheromon der Eulenfalter, um damit mÀnnliche Falter anzulocken und zu fangen.cite-ref-hayneskf-52-0[52] Zudem durchdringt die Aggregatseide der Klebetröpfchen die Schuppen der Nachtfalter und haftet an der darunter liegenden Kutikula, so dass die Falter nicht durch den Abrieb der Schuppen entkommen können.cite-ref-sahniv-50-2[50]

Im Gegensatz zu der mit Aggregatseide beschichteten flagelliforme Seide der ecribellaten Spinnen ist die Fangseide der cribellaten Spinnen ohne klebrige Beschichtung aufgebaut. Cribellate Spinnen besitzen ein Cribellum (lateinisch kleines Sieb), eine Spinnplatte mit etwa 40.000 bis 50.000 Spinnspulen. Das sind kleine Röhrchen oder Öffnungen, die sich unmittelbar vor den Spinnwarzen befinden. Die Seide wird in gewöhnlichen SpinndrĂŒsen produziert und in 10 bis 15 Nanometern dĂŒnnen FĂ€den ĂŒber die Spinnspulen des Cribellums ausgeschieden. Mittels des Calamistrums, Kamm-Ă€hnlichen Borsten am Fersenglied (Metatarsus) des vierten Beinpaares, wird die Fangwolle aus dem Cribellum gekĂ€mmt. Durch das KĂ€mmen laden sich die Fasern auf, wodurch sie sich gegenseitig abstoßen und zu einem wollartigen Geflecht ausdehnen. Das so entstandene Geflecht wird auf die dickeren, mikrometerbreiten AchsfĂ€den des Netzes aufgebracht. Die FĂ€den haben ein schnurartiges Erscheinungsbild und sind blĂ€ulich gefĂ€rbt. Insekten verfangen sich in den FĂ€den wie in einem Klettverschluss.cite-ref-sahniv-50-3[50]

Minor-Ampullate-Seide

Minor-Ampullate-Seide wird fĂŒr die Hilfsspirale verwendet und dient der NetzverstĂ€rkung. Zahlreiche Radnetzspinnen entfernen die temporĂ€ren Spiralen beim Bau der Fangspiralen und fressen die Minor-Ampullate-Seide. Einige Spinnen, wie die Seidenspinnen, entfernen die temporĂ€ren Spiralen jedoch nicht und verwenden sie in ihren fertigen Netzen. Die Minor-Ampullate-Seide besteht aus den beiden Minor-Ampullate-Spidroinen MiSp1 und MiSp2, die in der Kleinen AmpullendrĂŒse der Goldenen Seidenspinne nachgewiesen wurden.cite-ref-nakamurah-53-0[53]

Aciniformseide

Aciniformseide wird zum Einwickeln von Beutetieren verwendet, ihre antibakteriellen Eigenschaften verzögern zudem die bakterielle Zersetzung der Beute und minimieren dessen mikrobielle Belastung.cite-ref-sethytr-54-0[54] Sie wird zudem fĂŒr Spermiennetze, Stabilimente und fĂŒr die Auskleidung der Kokons verwendet. Die Arten der Gattung der Echten Krabbenspinnen nutzen ein Gemisch aus Aciniformseide und Seide der Kleinen AmpullendrĂŒse fĂŒr den Spinnenflug.cite-ref-bargelh-43-1[43] Aciniformseide besteht aus einem einzigen Protein, dem aciniformen Spidroin 1 (AcSp1). Es weist im Vergleich zu den Major-Ampullate-Spidroinen einen deutlich geringeren Glycin- und Alaningehalt auf.

Tubiliformseide

Die Tubiliformseide wird zum Bau des Eikokons verwendet und ist die einzige Seide, die nur wÀhrend der Fortpflanzungszeit produziert wird. Aufgrund ihres hohen Serin- und sehr niedrigen Glycingehalts ist sie unter den Spinnenseiden einzigartig. Sie besteht aus dem tubuliformen Spinnenseidenprotein (TuSp1) und den Kokonproteinen (Egg Case Protein) ECP 1 und 2. Möglicherweise ist die Tubuliformseide die Urform der Spinnenseide, aus der sich die anderen Seidenarten entwickelt haben.cite-ref-tianm-55-0[55]

Piriformseide

Piriformseide dient dazu, als Klebepunkte die Hilfs- und die Fangspirale mit dem Rahmen zu verbinden, das Netz an den Befestigungsstellen der Umgebung zu fixieren und die fĂŒr die Fortbewegung der Spinne wichtigen SchleppfĂ€den zu sichern. Die Piriformseide wird in der PiriformdrĂŒse produziert und tritt aus einem kurzen Spinnkanal aus, der in einer dĂŒsenartigen Spinnwarze mĂŒndet.cite-ref-blackledgeta1-56-0[56]

In der Spinnwarze der PiriformdrĂŒse befinden sich zahlreiche Spinnspulen, die zum Ausstoßen der Fasern dienen, die dabei eine netzartige Struktur bilden. Die Piriformseide wird in flĂŒssiger Form ausgeschieden, die unter Umgebungsbedingungen in weniger als einer Sekunde polymerisiert. Dabei bildet sie eine Struktur, die als Haftscheibe bezeichnet wird. Eine Haftscheibe der Seidenspinne Nephila senegalensis, die an einer Glasscheibe befestigt wird, kann bis zum Sechsfachen ihres eigenen Körpergewichts halten.cite-ref-crawfordt-35-1[35]

Die Hauptbestandteile des Piriformseidenproteins sind Piriformspidroin 1 (PiSp1) und Piriformspidroin 2 (PiSp2). Diese weisen im Vergleich zu anderen Spidroinen einen hohen Gehalt an hydrophilen Resten auf, die zu starken Wechselwirkungen zwischen dem Sekretionsfilm und dem Substrat fĂŒhren.cite-ref-crawfordt-35-2[35]

Biotechnologische Herstellung

Auch wenn im Vergleich zu anderen Seidenarten grĂ¶ĂŸere Mengen von Major-Ampullate-Seide aus lebenden Spinnen gewonnen werden kann, ist diese Art der Gewinnung im großen Maßstab zeitaufwĂ€ndig und schwierig. Spinnen benötigen lebende Insekten fĂŒr ihre ErnĂ€hrung, sind territorial und neigen bei hoher Populationsdichte zum Kannibalismus, so dass es schwierig ist, sie in großen Mengen zu halten.cite-ref-r-merl1-58-0[58]

Industrielle Produzenten

Angesichts der Produktionsprobleme mit lebenden Spinnen wurde nach anderen Wegen zur Herstellung von Spinnenseide gesucht. Eine mögliche Alternative fĂŒr die Synthese von Spinnenseidenproteinen ist der Einsatz gentechnischer Methoden. Die Proteinbiosynthese von Spinnenseidenproteinen in Fremdorganismen oder Zellen sollte die industrielle Produktion erleichtern. Ein bedeutender Durchbruch in der wissenschaftlichen Erforschung von Spinnenseide wurde 1990 erzielt, als erstmals die repetitive Sequenz eines Spidroins der Major-Ampullate-Seide der Goldenen Seidenspinne anhand eines partiellen cDNA-Klons bestimmt wurde.cite-ref-xum-27-1[27]

Die ersten Versuche zur gentechnischen Herstellung von Spinnenseidenproteinen fĂŒhrte das 1993 gegrĂŒndete Unternehmen Nexia Biotechnologies durch. Es extrahierte rekombinante Versionen zweier Spidroine der Goldenen Seidenspinne, MaSp1 und MaSp2, aus der Milch transgener Ziegen. Die Seidenproteine wurden in Lösungsmitteln gelöst und mittels Nassspinnverfahren zu Mikrofasern verarbeitet. Das Unternehmen wurde 2005 an PharmAthene verkauft und ging 2009 in Konkurs. Die Forschung wurde an der Utah State University weitergefĂŒhrt, 2012 gab es etwa 30 dieser Ziegen auf einer von der UniversitĂ€t betriebenen Farm.cite-ref-hirschj-59-0[59]

Unternehmen, die Produkte aus Spinnenseide herstellen, waren zu Beginn des Jahres 2025 meist Start-up-Unternehmen und befanden sich in unterschiedlichen Stadien der Kommerzialisierung. Einige Produkte sind bereits auf dem Markt, wĂ€hrend andere noch mit verschiedenen Industriepartnern getestet werden. Im Jahr 2008 wurde in MĂŒnchen das Unternehmen AMSilk gegrĂŒndet, die sich auf die Produktion von Biopolymeren aus synthetischer Spinnenseide spezialisiert hat. Das Unternehmen produziert Spinnenseidenproteine fĂŒr Kosmetika und Fasern. Die industrielle Herstellung der Spinnenseidenproteine erfolgt nach einem von AMSilk patentierten Verfahren in einer Fermentationsanlage von Evonik Industries in der Slowakei. Die Fertigung erfolgt als Pulver, Hydrogel, Faser oder Beschichtung.cite-ref-scotta-60-0[60] Thomas Scheibel, MitgrĂŒnder von AMSilk, wurde 2013 fĂŒr „herausragende Forschungsarbeiten zur biotechnologischen Herstellung und Charakterisierung von Spinnenseide-Proteinen“ mit dem Dechema-Preis ausgezeichnet.cite-ref-dechema-61-0[61]

Das US-amerikanische Unternehmen Bolt Threads stellte im Jahr 2017 eine limitierte Auflage von Krawatten her, die mit Spinnenseidenfasern gefertigt wurden und arbeitet mit der britischen Modedesignerin Stella McCartney und Adidas an biologisch abbaubarer Kleidung. Kraig Biocraft Laboratories produziert gentechnisch verĂ€nderte Spinnenseide fĂŒr technische Textilien. Inspidere, ein niederlĂ€ndisches Start-up-Unternehmen, stellt synthetische Spinnenseiden-Verbundwerkstoffe her, die beispielsweise im Automobilbau Leder ersetzen sollen. Das israelische Start-up-Unternehmen Seevix stellt kĂŒnstliche Spinnenseide her, die als chirurgisches Nahtmaterial eingesetzt werden kann.cite-ref-startus-62-0[62] Der Markt fĂŒr Spinnenseide wurde auf 1,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 2020 geschĂ€tzt.cite-ref-roots-63-0[63] Das Marktpotenzial fĂŒr textile, militĂ€rische, medizinische und kosmetische Produkte aus Spinnenseide wird auf etwa 50 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschĂ€tzt.cite-ref-guessousg-64-0[64]

Expressionssysteme

FĂŒr die biotechnologische Produktion ist sowohl die Wahl des Expressionssystems als auch die Entwicklung von Verarbeitungsprozessen wichtig. Bakterien und Hefen liefern relativ große Mengen an Proteinprodukten, die fĂŒr Massenprodukte wie Textilien geeignet sein können. Höhere Organismen wie transgene Seidenraupen, Pflanzen oder SĂ€ugetiere eignen sich vermutlich besser fĂŒr medizinische und kosmetische Anwendungen.cite-ref-guessousg-64-1[64]

Jeder Wirtsorganismus hat unterschiedliche Vor- und Nachteile fĂŒr die Produktion von Spinnenseidenproteinen. Bakterien sind leicht genetisch manipulierbar und kostengĂŒnstig in der Fermentation, die Produktion grĂ¶ĂŸerer Spidroine ist jedoch nicht möglich. Hefen ermöglichen hohe Produktausbeuten, wobei die Expressionseffizienz mit zunehmender GengrĂ¶ĂŸe sinkt. Der Einsatz von Pflanzen erlaubt die Produktion langkettiger Spinnenseidenproteine, wobei die Generationszeiten im Vergleich zur bakteriellen Fermentation lang sind. Zudem ist die gentechnische Manipulation aufwĂ€ndig und bei Feldversuchen ist mit Feldzerstörungen zu rechnen.cite-ref-heimm-34-2[34]

Prokaryotische Wirte

Eine Möglichkeit der technischen Herstellung von Spinnenseidenproteinen ist die Verwendung von leicht kultivierbaren prokaryotischen Wirten wie Bakterien. Eine biotechnologische Produktion im industriellen Maßstab zu realisieren, stellte eine große Herausforderung dar. Um Spinnenseidenproteine biotechnologisch herzustellen, wurden zahlreiche Versuche unternommen, die genetische Information der Spinnenseide in industriell produzierbare Mikroorganismen wie Escherichia coli einzubauen. E. coli sind kostengĂŒnstig zu kultivieren, unter guten Bedingungen liegt die Generationszeit bei 20 Minuten und sie können in hoher Dichte vermehrt werden, was hohe Ausbeuten ermöglicht.cite-ref-raphelj-67-0[67] Erste Versuche scheiterten jedoch an der unterschiedlichen Codierung der genetischen Information in Spinne und Mikroorganismus.cite-ref-scheibelt1-68-0[68]

Es zeigte sich, dass in prokaryotischen Expressionssystemen nur synthetische Gene mit begrenzter GrĂ¶ĂŸe exprimiert werden.cite-ref-vendrelyc-69-0[69] Proteine, die auf den AminosĂ€uresequenzen natĂŒrlicher Spinnenseide basieren und diesen Ă€hnlich sind, können mittels spezifischer Gene erzeugt werden, die auf synthetischer DNA oder auf einer Kombination von mittels Polymerase-Kettenreaktion angereicherten authentischen Gensequenzen beruhen.cite-ref-hollandc-70-0[70]

Dabei wird beispielsweise eine repetitive Sequenz eines Spinnenseidenproteins durch Klonierung in fĂŒr die biotechnologische Produktion optimierte Gene ĂŒbersetzt. Mit Hilfe der reversen Transkription können so synthetische Oligonukleotide hergestellt und kloniert werden. So besteht das rekombinante Spinnenseidenprotein eADF-4(C16) („engineered“ ADF-4) aus einer 16-fachen Wiederholung einer repetitiven Sequenz des ADF-4-Spidroins der Gartenkreuzspinne, der Konsensussequenz „Modul C“.cite-ref-wohlrabs-65-1[65] Die AminosĂ€uresequenz rekombinanter Spinnenseiden kann zudem modifiziert werden, um Spinnenseiden mit maßgeschneiderten Eigenschaften fĂŒr biomedizinische Zwecke zu produzieren.cite-ref-hollandc-70-1[70]

Eukaryotische Wirte

Mit Hilfe gentechnisch verĂ€nderter eukaryotischer Wirte können rekombinante Seidenproteine auf der Basis von Spinnen-cDNA hergestellt werden, die den Proteinen der natĂŒrlichen Spinnenseide Ă€hneln. Die Nachteile bei der Nutzung von eukaryotischen Expressionssysteme sind unter anderem hohe Kosten und technische Probleme bei der Aufreinigung der Proteine sowie die Weiterverarbeitung.cite-ref-vendrelyc-69-1[69]

So gelang zwar die Synthese von kĂŒnstlichen Spinnenseidenproteinen mit Hilfe von transgenen Ziegen, jedoch konnten aus den gewonnenen Proteinen zunĂ€chst keine Fasern hergestellt werden, die die mechanischen Eigenschaften der natĂŒrlichen Spinnenseide erreichten. Neben dem biotechnologischen Herstellungsprozess war es daher erforderlich, die Schritte des natĂŒrlichen Spinnprozess zu entschlĂŒsseln, um ein industrielles Spinnverfahren fĂŒr Spinnenseidenproteine zu entwickeln.cite-ref-scheibelt1-68-1[68]

Neben Ziegen wurden Insektenzellen von Spodoptera frugiperda, SĂ€ugetierzellen wie BHK- und COS-Zellen, transgene Tiere wie Mufflons, MĂ€use und Seidenspinner, Hefen wie Pichia pastoris und Backhefe sowie Pflanzen wie Virginischer Tabak, die Reispflanze Oryza sativa und Acker-Schmalwand als Expressionssysteme verwendet.cite-ref-guessousg-64-2[64]cite-ref-wohlrabs-65-2[65] Sowohl die Verwendung transgener SĂ€ugetiere als auch die von genetisch manipulierten Pflanzen ist rechtlich und ethisch umstritten.cite-ref-heimm-34-3[34]

Verarbeitung

Je nach Verfahren können die gewonnenen Proteine zu Fasern, Vliesstoffen, Gelen und anderen Produkten verarbeitet werden.cite-ref-guessousg-64-3[64] Die Verarbeitung wird durch chemische, thermische oder mechanische Faktoren beeinflusst. FĂŒr die Herstellung von Fasern aus Spinnenseidenproteinen bieten sich das Nassspinnen und das biomimetische Spinnen an. Beim Nassspinnverfahren werden die Proteine zunĂ€chst gelöst und dann in ein Koagulationsbad aus beispielsweise Aceton extrudiert. Die mechanischen Eigenschaften der verschiedenen Spinnenseidenfasern lassen sich bei dieser Methode kaum vorhersagen, es besteht jedoch eine Korrelation zwischen abnehmendem Durchmesser der Faser und zunehmendem molaren Masse des Proteins.cite-ref-wohlrabs-65-3[65]

Beim biomimetischen Spinnen wird versucht, Faktoren wie den pH-Wert, den Ionenaustausch, die Wasserkonzentration sowie Dehn- und ScherkrĂ€fte wĂ€hrend der Faserproduktion zu kontrollieren. Die GerĂ€te fĂŒr das biomimetische Spinnen sollen die VorgĂ€nge in den SeidendrĂŒsen nachahmen und die chemischen und mechanischen Parameter steuern, die fĂŒr die Herstellung von Spinnenseidenfasern relevant sind.cite-ref-wohlrabs-65-4[65]

Zur Herstellung von Vliesstoffen aus Spinnenseidenproteinen eignet sich das Elektrospinnen. Bei diesem Verfahren werden elektrisch geladene FÀden mit Hilfe eines elektrischen Felds aus einer Polymerlösung gezogen. Dabei verdampft das Lösungsmittel, beispielsweise AmeisensÀure, Hexafluorisopropanol oder Hexafluoraceton, bevor es die Gegenelektrode erreicht. Bei diesem Verfahren werden keine Koagulationschemikalien benötigt, um aus einer Lösung feste Fasern zu erzeugen. Der Faserdurchmesser kann durch eine Vielzahl von Parametern beeinflusst werden, wie die Konzentration der Polymerlösung oder der Abstand zur Gegenelektrode. Zudem beeinflussen die Temperatur und die relative Luftfeuchtigkeit die Faserbildung.cite-ref-wohlrabs-65-5[65]

Hydrogele sind Gele aus Netzwerkkomponenten, in denen Wasser immobilisiert ist.cite-ref-goldbook-71-0[71] Mit Spinnenseidenproteinen erfolgt die Bildung von Hydrogelen in genĂŒgend konzentrierten wĂ€ssrigen Lösungen spontan durch ÎČ-Faltblattbildung. Diese bilden ein Netzwerk, die das solvatisierende Wasser gelieren. Die Bildung von Hydrogelen wird unter anderem durch den pH-Wert und die Temperatur beeinflusst. Bei pH-Werten um den isoelektrischen Punkt wird die Gelbildung durch hydrophobe Wechselwirkungen beschleunigt. Bei höheren Temperaturen sind die hydrophoben Bereiche der Spinnenseidenproteine weniger gut solvatisiert, was ebenfalls die Aggregation begĂŒnstigt.cite-ref-hardyjg-72-0[72] Die Spinnenseidenhydrogele eignen sich fĂŒr die Aufnahme von WirkstoffmolekĂŒlen fĂŒr Anwendungen, bei denen eine konstante Freisetzung aus biologisch abbaubaren TrĂ€gern erwĂŒnscht ist.cite-ref-lammela-73-0[73]

Eigenschaften

Die Faser des Abseilfadens hat je nach Spinnenart und dem Alter der Spinne einen Durchmesser von 1 bis 20 Mikrometern und weist eine Kern-Schalen-Struktur auf. Der Kern der Faser besteht aus zwei Spidroinen, MaSp 1 und 2, die ĂŒberwiegend aus Glycin, Alanin und Prolin aufgebaut sind. Der Kern ist von einer Haut aus einem weiteren spidroinĂ€hnlichen Protein umgeben. Unmittelbar darauf folgend eine Glykoproteinschicht, die aus Proteinen mit kovalent an die AminosĂ€ureseitenketten gebundenen Kohlenhydratresten besteht. Den Ă€ußeren Abschluss der Faser bildet eine Lipidschicht.cite-ref-guessousg-64-5[64]

Die mechanischen Eigenschaften des Abseilfadens werden hauptsĂ€chlich durch die Seidenproteine im Kern bestimmt. Die Ă€ußeren Schichten schĂŒtzen den Faserkern vor bakteriellen und Pilzinfektionen.cite-ref-lij-47-1[47]

Chemische Eigenschaften

Je nach Spinnenseidenart und Herstellungsverfahren liegen die Spinnenseidenproteine in gelöster oder fester Form vor. FĂŒr die Weiterverarbeitung mĂŒssen Proteine, die in fester Form als gefriergetrocknetes Pulver, Fasern oder Partikel vorliegen, gelöst werden. Wasserunlösliche Proteine können in Denaturierungsmitteln gelöst werden. Dies können hochkonzentrierte Salzlösungen sein, die Lithiumbromid, Lithiumthiocyanat oder andere chaotrope Verbindungen enthalten. Auch ionische FlĂŒssigkeiten sind mögliche Lösungsmittel. Spinnenseidenproteine lösen sich in Hexafluorisopropanol, gegebenenfalls unter Zusatz von AmeisensĂ€ure und Hexadecyltrimethylammoniumbromid oder unter Zusatz eines Tris/HCl-Puffers bei pH 7,5 und PEG-400. Die gelösten Proteine können fĂŒr kosmetische Zwecke oder zum Elektrospinnen verwendet werden. Die verwendeten Lösungsmittel mĂŒssen vor dem Gebrauch von der Faser mit Wasser oder Ethanol abgewaschen werden.cite-ref-belbeochc-48-1[48]

Molekulare Eigenschaften

PrimÀrstruktur

Innerhalb eines Proteins sind die Aminogruppen der AminosĂ€uren mit den Carboxylgruppen anderer AminosĂ€uren ĂŒber Peptidbindungen zu einer Kette verbunden. Die Peptidbindung entsteht durch eine Kondensationsreaktion zwischen der Amino- und der Carboxylgruppe der beteiligten AminosĂ€uren unter Wasserabspaltung. Das freie Elektronenpaar der Aminogruppe wirkt bei der Reaktion als Nukleophil und ersetzt die Hydroxygruppe unter Bildung der Peptidbindung.

Kondensationsreaktion von zwei MolekĂŒlen Alanin zum Dipeptid

Dadurch bleibt an einem Ende, dem so genannten C-Terminus, eine freie Carboxylgruppe und am anderen Ende, dem so genannten N-Terminus, eine freie Aminogruppe zurĂŒck. Konventionell werden Proteinsequenzen vom N-Terminus zum C-Terminus, zum Beispiel im Einbuchstabencode, von links nach rechts, geschrieben, was die Übersetzungsrichtung mit der Textrichtung korreliert, denn wenn ein Protein von der Boten-RNA ĂŒbersetzt wird, entsteht es vom N-Terminus zum C-Terminus, da AminosĂ€uren immer an das Carboxylende des Proteins angehĂ€ngt werden. Die Spinnenseidenproteine haben die Struktur eines Blockcopolymers.cite-ref-obrienjp-74-0[74] Das ADF-4-Spidroin der Gartenkreuzspinne hat eine MolekĂŒlmasse von etwa 350 Kilodalton, wobei der nicht-repetitive C-Terminus eine MolekĂŒlmasse von etwa 11,9 Kilodalton hat.cite-ref-wohlrabs-65-6[65]

PrimÀrstruktur eines Spidroins

Die verschiedenen Spinnenseidenarten enthalten unterschiedliche Fibroine, die zur Gruppe der Strukturproteine gehören. Die am intensivsten studierten Spinnenseidenproteine sind die Fibroine des Abseilfadens, die so genannten Major-Ampullate-Spidroine. Die Faser der Abseilseide besteht hauptsĂ€chlich aus zwei Spidroinen, Spidroin 1 (MaSp1) und Spidroin 2 (MaSp2), wobei es bei den verschiedenen Spinnenarten Unterschiede in deren Struktur gibt. Diese Spinnenseidenproteine zeigen eine hochrepetitive Kernsequenz aus bestimmten Strukturmotiven. Dazu zĂ€hlen Poly-Alaninblöcke (An oder (GA)n; mit A fĂŒr Alanin, G fĂŒr Glycin), GPGXX (P fĂŒr Prolin, X oft Glutamin) und GGX sind die Konsensusmotive der Kernregion der Spidroine der großen AmpullendrĂŒse, die unter den Radnetzspinnen seit etwa 125 Millionen Jahren hochkonserviert sind.cite-ref-gatesyj-41-1[41]

SekundÀrstruktur

Bei der Bildung von Proteinen reagiert die Carboxygruppe einer AminosĂ€ure formal unter Wasserabspaltung mit der Aminogruppe einer anderen AminosĂ€ure zur SĂ€ureamidgruppierung. Die dabei entstehende Peptidbindung hat einen hohen Doppelbindungscharakter und ist daher nicht frei drehbar und im Vergleich zu anderen Kohlenstoff-Stickstoff-Bindungen um 14 Pikometer verkĂŒrzt. Diese starre, planare Struktur der Peptidbindung spielt eine wichtige Rolle bei der Ausbildung der SekundĂ€rstruktur von Proteinen, das heißt der lokalen Faltungsmuster des PolypeptidgerĂŒsts wie Helices oder Faltblattstrukturen. Aufgrund der sterischen Hinderung nehmen die meisten Peptide bevorzugt eine trans-Konformation ein.cite-ref-voetd1-75-0[75]

Die meisten Spinnenseiden enthalten 310-Helix-bildende Glycin-Glycin-X-Sequenzmotive (X: variable AminosĂ€ure), kristalline ÎČ-Faltblatt-reiche Poly-Alanin- und Poly-Glycin-Alanin-Motive, eine prolinreiche, elastische ÎČ-Helix-Region, die aus mehreren GPGXX-Motiven besteht und einer Spacer-Region mit unbekannten Funktionen.cite-ref-bargelh-43-2[43]

| Spidroin | Elastische ÎČ-Helix (GPGXX) | Kristallines ÎČ-Faltblatt (Ala-reich) | 3 10 -Helix (GGX) | Spacer | nicht- repetitive C-Termini |
|---|---|---|---|---|---|
| MaSp1 | | ✓ | ✓ | | ✓ |
| MaSp2 | ✓ | ✓ | | | ✓ |
| ADF-3 | ✓ | ✓ | ✓ | | ✓ |
| ADF-4 | ✓ | ✓ | | | ✓ |
| MiSp1 | | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ |
| MiSp2 | | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ |
| Flag | ✓ | | ✓ | ✓ | ✓ |

Die SekundĂ€rstrukturen werden durch die Bildung von WasserstoffbrĂŒckenbindungen stabilisiert. Bei Helix-Strukturen treten die WasserstoffbrĂŒckenbindungen innerhalb einer Polypeptidkette auf, bei der ÎČ-Faltblattstruktur zwischen benachbarten Polypeptidketten. Random-Coil-Strukturen sind Konformationen, bei denen die monomeren Untereinheiten zufĂ€llig ausgerichtet sind, wĂ€hrend sie noch mit benachbarten Einheiten verbunden sind. Es handelt sich um eine statistische Verteilung von MakromolekĂŒlen.cite-ref-voetd1-75-1[75]

WasserstoffbrĂŒckenbindungen des PeptidrĂŒckgrats verschiedener Helices

Mechanische Eigenschaften

Spinnenseidenfasern gehören zu den stĂ€rksten, dehnbarsten und zĂ€hesten bekannten biologischen Materialien und ĂŒbertreffen in ihren Eigenschaften viele technische Werkstoffe. Grundlegende Materialeigenschaften sind neben der Dichte die Zugfestigkeit, der ElastizitĂ€tsmodul, die Bruchdehnung und die ZĂ€higkeit, die ĂŒblicherweise im Zugversuch bestimmt werden.cite-ref-bickele-76-0[76] Aufgrund ihrer mechanischen Eigenschaften kann Spinnenseide den Aufprall von fliegenden Insekten unbeschadet ĂŒberstehen und nach einer Dehnung wieder in den Ausgangszustand zurĂŒckkehren.cite-ref-guy-1-2[1]

Neben der chemischen Zusammensetzung beeinflusst die Spinngeschwindigkeit die mechanischen Eigenschaften beispielsweise der Major-Ampullate-Seide, je nachdem, ob sie zum Netzbau oder zur Flucht vor Fressfeinden verwendet oder beim erzwungenen Melken gewonnen wird. AbseilfÀden werden beim Netzbau mit einer Geschwindigkeit von etwa einem Zentimeter pro Sekunde produziert, beim schnellen Absinken auf der Flucht kann sich die Spinngeschwindigkeit auf das Zehnfache erhöhen.cite-ref-saravanand-77-0[77]

| Mechanische Eigenschaften von Fasern [ 78 ] | Mechanische Eigenschaften von Fasern [ 78 ] | Mechanische Eigenschaften von Fasern [ 78 ] | Mechanische Eigenschaften von Fasern [ 78 ] | Mechanische Eigenschaften von Fasern [ 78 ] | Mechanische Eigenschaften von Fasern [ 78 ] |
|---|---|---|---|---|---|
| Material | Dichte [g/cm 3 ] | E-Modul [GPa] | Zugfestig- keit [GPa] | Bruch- dehnung [%] | ZĂ€higkeit [MJm −3 ] |
| Abseilfaden 1 | 1,3 | 11,5 | 1,65 | 68 | 354 |
| Fangspirale 2 | 1,3 | 0,003 | 0,5 | 270 | 150 |
| Seide | 1,3 | 7 | 0,6 | 18 | 70 |
| Nylon 6.6 | 1,1 | 5 | 0,85 | 18 | 80 |
| Kevlar | 1,4 | 130 | 3,6 | 2,7 | 50 |
| Stahl | 7,8 | 200 | 1,5 | 0,8 | 6 |

1: Abseilfaden der Darwinschen Rindenspinnecite-ref-garbje1-79-0[79]; 2: Fangspirale der Gartenkreuzspinne

Sie können weiterhin durch Faktoren wie Umgebungstemperatur, ErnÀhrungszustand, Körpergewicht und Feuchtigkeit beeinflusst werden. Trotz der Àhnlichen chemischen Proteinstruktur einer bestimmten Seidenart variieren die mechanischen Eigenschaften von Spinnenart zu Spinnenart, zwischen Individuen derselben Art und selbst in der Seidenproduktion desselben Individuums.cite-ref-bergmannf-80-0[80]

Dichte

Die Dichte, das VerhĂ€ltnis von Masse zu Volumen, ist fĂŒr den Vergleich mechanischer Eigenschaften verschiedener Fasern bei gleicher Masse relevant. Spinnenseide weist als Proteinfaser nur etwa ein Sechstel der Dichte von Stahl auf.cite-ref-veitd-81-0[81] Der Abseilfaden der Darwinschen Rindenspinne hat etwa die Zugfestigkeit von Stahl, kann jedoch aufgrund der geringeren Dichte bei gleicher Masse einer sechsmal höheren mechanischen Spannung widerstehen.cite-ref-garbje1-79-2[79]

ElastizitÀtsmodul

Der ElastizitĂ€tsmodul ist eine materialspezifische Kennzahl, die vom englischen Naturforscher Thomas Young eingefĂŒhrt wurde und auch als Young-Modul bezeichnet wird. Er ist ein Maß fĂŒr die Kraft, die ein Werkstoff einer elastischen Verformung entgegensetzt und ist das VerhĂ€ltnis zwischen der mechanischen Spannung und der axialen Dehnung im linear-elastischen Bereich einer Faser. Der ElastizitĂ€tsmodul wird in Pascal gemessen, wobei typische Werte im Bereich von Gigapascal (GPa) liegen. Im Spannungs-Dehnungs-Diagramm entspricht er der Steigung im linear-elastischen Bereich.cite-ref-faulstichh-82-0[82]

Der ElastizitÀtsmodul steigt mit dem Widerstand, den ein Werkstoff seiner elastischen Verformung entgegensetzt. Gummi, das sich bei zunehmender mechanischer Spannung schnell dehnt, hat einen niedrigen ElastizitÀtsmodul. Dagegen hat Stahl, der sich bei zunehmender Spannung nur langsam dehnt, einen hohen ElastizitÀtsmodul von etwa 200 Gigapascal.cite-ref-hallidayd-83-0[83] Der ElastizitÀtsmodul von Kevlar liegt bei 130, der von Nylon bei 5 und der Rahmenfaden eines Spinnennetzes bei etwa 10 Gigapascal. Der ElastizitÀtsmodul der Fangspirale betrÀgt dagegen nur 0,003 Gigapascal.cite-ref-r-merl-78-1[78]

Zugfestigkeit

Die Zugfestigkeit ist definiert als die maximale mechanische Spannung, die auf einen Werkstoff ausgeĂŒbt werden kann, bevor er reißt oder bricht. FĂŒr Fasern ist dies ein wichtiger Kennwert, da er die Festigkeit der Faser unter Zugbeanspruchung angibt. Fasern mit hoher Zugfestigkeit eignen sich besonders fĂŒr Anwendungen, bei denen hohe mechanische Belastungen auftreten. Die Dimension der Zugfestigkeit ist die Kraft pro FlĂ€che und wird ebenfalls in der Einheit Pascal (Pa) gemessen. Typische Werte liege hier ebenfalls im Gigapascal-Bereich (1 GPa = 1 Milliarde Pa). Der Schleppseilfaden von Nephila clavipes hat eine Zugfestigkeit von 4 Gigapascal, der Schleppseilfaden der Gartenkreuzspinne Araneus diadematus 1,1 Gigapascal und ihre Fangspirale 0,5 Gigapascal.cite-ref-allmelingc-84-0[84]cite-ref-r-merl-78-2[78]

Bruchdehnung

Die Bruchdehnung ist die maximale VerlĂ€ngerung einer Faser verglichen mit der ursprĂŒnglichen LĂ€nge beim Riss, angegeben in Prozent. Sie ist ein Maß fĂŒr die Verformbarkeit einer Faser im plastischen Bereich bis zum Bruch. Als spezifischer Werkstoffkennwert dient sie zur Charakterisierung und zum Vergleich verschiedener Werkstoffe.cite-ref-bickele-76-1[76] Die Bruchdehnung des Abseilfadens der Darwinschen Rindenspinne ist mit 68 % fast viermal höher als die von Nylon oder Seidenspinnerseide.cite-ref-r-merl-78-3[78]

ZĂ€higkeit

ZĂ€higkeit ist die FĂ€higkeit der Faser, einer Verformung zu widerstehen, bevor sie reißt. Der Abseilfaden der Darwinschen Rindenspinne ist um ein Vielfaches zĂ€her als die meisten bekannten Fasern. Sie gilt als eines der höchstentwickelten Strukturproteine der Natur und als eines der zĂ€hesten bekannten biologischen Materialien. Einzelne Proben erreichen eine ZĂ€higkeit von bis zu 520 Megajoule pro Kubikmeter, die durchschnittliche ZĂ€higkeit liegt bei etwa 350 Megajoule pro Kubikmeter. Damit ist sie mehr als doppelt so zĂ€h wie jede andere Spinnenseide. Die etwa 18 bis 22 Millimeter große Spinne baut flussĂŒberspannende Netze mit bis zu 25 Meter langen AnkerfĂ€den und einer FlĂ€che von bis zu 2,8 Quadratmetern und nutzt so einen Lebensraum, den keine andere Spinne nutzen kann.cite-ref-garbje1-79-3[79]

Superkontraktion

Durch den Kontakt mit Wasser, etwa bei hoher Luftfeuchtigkeit oder Morgentau, kann sich ein Abseilseilfaden um bis zu 60 % verkĂŒrzen, wobei sich sein Umfang entsprechend vergrĂ¶ĂŸert. Dieser Vorgang wird als Superkontraktion bezeichnet und ist das Ergebnis eines Übergangs von einer hochorientierten glasartigen Phase zu einer gummiartigen Phase durch Umorientierung der WasserstoffbrĂŒckenbindungen.cite-ref-cohenn-85-0[85]

Der Superkontraktionsindex SC ist definiert als

S C = L 0 − − L c L 0 {\displaystyle SC={\frac {L_{0}-L_{c}}{L_{0}}}}

wobei L0 die ursprĂŒngliche FaserlĂ€nge und Lc die LĂ€nge der superkontrahierten Faser ist. Die Werte des Superkontraktionsindex variieren je nach Fasertyp und je nachdem, ob die Faser natĂŒrlich gesponnen oder durch erzwungenes Melken gewonnen wurde. FĂŒr den natĂŒrlich gesponnenen Abseilfaden von Nephila sp. betrĂ€gt der Wert etwa 0,2, fĂŒr den durch erzwungenes Melken gewonnenen Abseilfaden von Argiope trifasciata etwa 0,52.cite-ref-elicesm-86-0[86]

Die Superkontraktion ist ein umkehrbarer Vorgang. Getrocknete und auf ihre ursprĂŒngliche LĂ€nge geschrumpfte Spinnenseide verhĂ€lt sich annĂ€hernd wieder wie Seide vor der Superkontraktion. Es wird daher vermutet, dass die Superkontraktion der Mechanismus ist, der die Spannung in Spinnnetzen aufrechterhĂ€lt.cite-ref-liuy-87-0[87]

Molekulardynamik-Simulation

Durch Molekulardynamik-Simulationen, das sind Computersimulationen mit geeigneten Kraftfeldern wie CHARMM, lassen sich die mechanischen Eigenschaften der Spinnenseide auf der Basis der PrimĂ€rstruktur und der sich daraus ergebenden SekundĂ€rstruktur des Proteins simulieren. Die Simulation ermöglicht Erkenntnisse ĂŒber atomare Mechanismen wie die Entfaltung von Helixstrukturen oder andere KonformationsĂ€nderungen. Ein computersimulierter Zugversuch ermöglicht es beispielsweise, das VerhĂ€ltnis zwischen Spannung und Dehnung mit VorgĂ€ngen auf molekularer Ebene zu erklĂ€ren und mit experimentellen Werten zu vergleichen.cite-ref-giesat-89-0[89]

In einem simulierten Zugversuch wird das Protein zunĂ€chst rein reversibel gedehnt. Die nichtkristalline Phase ist zu Beginn ein verknĂ€ultes Netzwerk, das durch ungeordnete WasserstoffbrĂŒckenbindungen zusammengehalten wird. Wird die Spannung erhöht, beginnen die WasserstoffbrĂŒcken in der nichtkristallinen Phase zu brechen, bis diese schließlich vollstĂ€ndig gedehnt ist. Wird der Faden noch weiter gedehnt, so wird der zusĂ€tzliche Dehnungsanteil durch das Auseinandergleiten der ÎČ-Faltblatt-Kristalle geleistet.cite-ref-giesat-89-1[89]

Die Simulation zeigte zudem, dass die ÎČ-Faltblatt-Kristalle nur bei einer GrĂ¶ĂŸe von 2 bis 4 Nanometern stabil sind, was mit experimentell ermittelten Werten ĂŒbereinstimmt. Diese GrĂ¶ĂŸe der ÎČ-Faltblatt-Kristalle wird zudem nur erreicht, wenn sich die Poly-Alanin-Segmente in der Polymerkette vier- bis sechsmal wiederholen. GrĂ¶ĂŸere Kristalle wĂŒrden nicht durch Scherverformung, sondern durch Biegeverformung versagen.cite-ref-giesat-89-2[89]

Verwendung

Die Verwendungsmöglichkeiten von Spinnenseide sind Ă€ußerst vielfĂ€ltig. Dazu gehören die Verwendung im medizinischen Bereich, etwa zur Beschichtung von Brustimplantaten, im militĂ€rischen Bereich, etwa fĂŒr die Herstellung von beschusshemmenden Westen, in der Kosmetik, in der Automobilfertigung, als Verbundwerkstoff und vieles mehr. Goodyear beispielsweise stellte 2020 einen selbstreparierenden Autoreifen vor. Dieser enthĂ€lt eine FlĂŒssigkeitskapsel eines auf Spinnenseide beruhenden Materials, das die LaufflĂ€che bei einem Defekt repariert.cite-ref-pinkstonej-90-0[90]

Medizinische Verwendung

Spinnenseidenproteine können in verschiedenen Anwendungsformen eingesetzt werden. Sie finden als FĂ€den fĂŒr Nahtmaterial (1D), als Wundauflagen (2D), als Matrizen fĂŒr das Tissue Engineering (3D), fĂŒr Retardformulierungen und fĂŒr andere Hydrogele Verwendung. Viele Verwendungsmöglichkeiten wurden bereits erprobt, bis MĂ€rz 2024 gab es jedoch noch keine klinischen Studien fĂŒr die Verwendung von Spinnenseide im medizinischen Bereich.cite-ref-brankovicm-91-1[91]

Entscheidend fĂŒr den Einsatz von Spinnenseide in der Medizin sind die ToxizitĂ€t und die ImmunogenitĂ€t. Eine generelle immunologische Bewertung von Spinnenseidenproteinen fĂŒr medizinische Anwendungen ist schwierig, da sich die Spinnenseidenproteine je nach Spinnenart und Spinnenseidenart unterscheiden. Zudem gibt es verschiedene Methoden der Gewinnung und Vorbehandlung. Spinnenseide kann zudem direkt von der Spinne oder aus dem Spinnennetz gewonnen werden oder biotechnologisch hergestellt werden.cite-ref-vollrathf-92-0[92]cite-ref-damskozlowskah-93-0[93]

Die Verwendung der Seide des Seidenspinners als Nahtmaterial fĂŒr chirurgische Eingriffe wurde bereits um 150 n. Chr. von dem griechischen Arzt und Anatom Galenos beschrieben.cite-ref-hollandc-70-2[70] NatĂŒrliche Spinnenseiden, wie beispielsweise SchleppseidenfĂ€den, können ebenfalls zu Nahtmaterial geflochten werden, wobei die Art der Verflechtung die Biomechanik des geflochtenen Materials beeinflusst.cite-ref-hennekek-94-0[94]

Spinnenseide ist biologisch abbaubar und könnte helfen, durchtrennte Nervenfasern beim Menschen wieder zusammenwachsen zu lassen. In In-vitro-Versuchen wurde Spinnenseide in Zellkulturen gesponnen und mit menschlichen Modellneuronen versetzt. Dadurch erhielten die Nervenzellen eine Wachstumsrichtung. Bis zu sechs Zentimeter konnten so ĂŒberbrĂŒckt werden. Bei Schafen konnten die Nervenenden mit dieser Methode wieder gut zusammenwachsen.cite-ref-bergmannf-80-1[80]cite-ref-dlf-95-0[95]cite-ref-uniwien-96-0[96]

Um die VertrĂ€glichkeit von Brustimplantaten zu verbessern, wurde eine Beschichtung aus Spinnenseidenproteinen entwickelt. Dadurch soll das Auftreten der teilweise schmerzhaften Kapselfibrose reduziert werden. Eine klinische Wirksamkeitsstudie ohne Kontrollgruppe oder Verblindung wurde zwar 2019 konzipiert, aber nicht durchgefĂŒhrt.cite-ref-onderzoek-97-0[97]

FĂŒr den Gewebeersatz werden 3D-Strukturen benötigt, die den Platz des zu ersetzenden Gewebes einnehmen. Rekombinante Spinnenseidenproteine wie eADF-4(C16) lassen sich zu Hydrogelen mit speziellen rheologischen, mechanischen, biofunktionellen und biokompatiblen Eigenschaften verarbeiten. In diese Hydrogele können Zellen direkt verkapselt werden und so die Grundlage fĂŒr einen Gewebeersatz bilden.cite-ref-schachtk-98-0[98] Die Kombination von Zellen und biopolymeren Gelen wird als „Biotinte“ bezeichnet. Biotinten können verwendet werden, um kĂŒnstliches lebendes Gewebe durch 3D-Druck herzustellen und gelten als eines der fortschrittlichsten Werkzeuge fĂŒr das Tissue Engineering.cite-ref-cuix-99-0[99]

Mikropartikel aus synthetischen Spinnenseidenproteinen wie eADF-4(C16) werden nur langsam enzymatisch abgebaut und eignen sich als WirkstofftrĂ€ger fĂŒr Retardformulierungen. In vitro wurden Freisetzungsraten ĂŒber einen Zeitraum von zwei Wochen unter physiologischen Bedingungen erzielt. Dadurch ließe sich die Anzahl der Medikamentengaben reduzieren und die BioverfĂŒgbarkeit der Medikamente verbessern.cite-ref-lammela-73-1[73]

Bekleidung

Die Spinnenseidenfaser von AMSilk wurde von Adidas zur Herstellung eines Prototyps eines biologisch abbaubaren Laufschuhs verwendet. AMSilk kooperiert weiterhin mit dem Schweizer Luxusuhrenhersteller Omega bei der Herstellung von UhrenarmbĂ€ndern.cite-ref-peitsmeierh-100-0[100] Das japanische Unternehmen Spiber stellt Fasern aus kĂŒnstlicher Spinnenseide her. Die sogenannten „Brewed Protein“-Fasern basieren auf durch mikrobielle Fermentation gewonnenen Proteinen. Zu den Anwendern der Spiber-Fasern gehören unter anderem The North Face und Goldwin, ein japanischer Bekleidungshersteller.cite-ref-voguebiospher-101-0[101]

In Zusammenarbeit mit Stella McCartney wurden KleidungsstĂŒcke aus Bolt Threads „Microsilk“-Fasern hergestellt und im Museum of Modern Art ausgestellt.cite-ref-iredalej-102-0[102] Zudem wurde UnterwĂ€sche aus „Microsilk“ in Partnerschaft mit dem Designlabel Strumpet & Pink gefertigt und im Rhode Island School of Design Museum prĂ€sentiert.cite-ref-risdmuseum-103-0[103] Der Designer und KĂŒnstler Sruli Recht entwarf ein „Biosteel“-Hemd aus Proteinfasern der Goldenen Seidenspinne, die aus der Milch gentechnisch verĂ€nderter Ziegen des kanadischen Unternehmens Nexia Biotechnologies gewonnen wurden. Das Hemd wurde ebenfalls im Rhode Island School of Design Museum ausgestellt.cite-ref-risdmuseum1-104-0[104]

Kosmetik

Der brasilianische Kosmetikkonzern Natura & Co, der unter anderem die Handelskette The Body Shop betrieb, setzte rekombinante Spinnenseidenproteine von AMSilk in ihren Haarpflegeprodukten zur Reduzierung der HaarporositĂ€t ein.cite-ref-marjorie-105-0[105] Im Jahr 2019 wurde die Kosmetiksparte von AMSilk durch den Schweizer Kosmetikhersteller Givaudan ĂŒbernommen. Ziel der Übernahme war die Erweiterung der Verwendung der Spinnenseidentechnologie in Kosmetikprodukten.cite-ref-rodriguezfernandezc-106-0[106] Givaudan hatte bis Mai 2023 mehr als 100 KonsumgĂŒter auf den Markt gebracht, die auf der Spinnenseidentechnologie von AMSilk basieren, darunter Haar- und Hautpflegeprodukte sowie mikroverkapselte Duftstoffe.cite-ref-worldbiomarket-107-0[107] Die Hautpflegeprodukte bestehen aus einem Gel, das eine atmungsaktive Schutzbarriere auf der Haut bildet, und kleinen SeidenproteinkĂŒgelchen, die der Haut ein seidiges GefĂŒhl verleihen und Fette absorbieren.cite-ref-rodriguezfernandezc-106-1[106]

MilitÀrische Anwendungen

Die Utah State University arbeitet mit der US Navy an der Entwicklung einer auf Spinnenseide basierenden Faser, die sich um eine Schiffsschraube wickeln und das Schiff so stoppen soll.cite-ref-muffolettoma-108-0[108] Kraig Biocraft Laboratories entwickelte im Auftrag der US Army ballistische Protektoren aus „Dragon Silk“, einer Spinnenseide, die mit Hilfe gentechnisch verĂ€nderter Seidenspinner hergestellt wird.cite-ref-kraig-109-0[109]

Aufgrund ihrer FlexibilitĂ€t und AtmungsaktivitĂ€t prĂŒft die US Army, ob sich die Spinnenseide fĂŒr die Herstellung von beschusshemmender UnterwĂ€sche eignet. Das soll den Tragekomfort gegenĂŒber Schutzwesten aus Kevlar erhöhen. Spinnenseide zeichnet sich zudem durch ihre FĂ€higkeit zur passiven KĂŒhlung aus. An heißen Sommertagen kann die Temperatur von Zelten und Textilien aus Spinnenseide um 10 bis 15 °C unter der Temperatur von reflektierenden Materialien liegen. DarĂŒber hinaus wird erwartet, dass Fallschirme aus Spinnenseide grĂ¶ĂŸere Nutzlasten tragen können.cite-ref-lindnerd-110-0[110]

Analytische Methoden

Untersuchung der mechanischen Eigenschaften

Die mechanischen Eigenschaften der Spinnenseide werden mit UniversalprĂŒfmaschinen getestet. Bei einem Zugversuch wird die Seide bis zum Riss einer steigenden Zugbelastung ausgesetzt. Das resultierende Kraft-Weg-Diagramm gibt Auskunft ĂŒber wichtigsten mechanischen Eigenschaften der Seide. Die aufgebrachte Kraft wird dabei gegen die Dehnung des Fadens bei der Dehnung bis zum Riss aufgetragen. Die Steifigkeit entspricht der anfĂ€nglichen Steigung der Belastungskurve. Das Konzept ist analog zur Federkonstante des Hookeschen Gesetzes und beschreibt die Änderung der Zugkraft in AbhĂ€ngigkeit von der DehnungsĂ€nderung. Die Zugfestigkeit gibt die Kraft an, die erforderlich ist, um einen Faden zum Reißen zu bringen. Die Dehnbarkeit entspricht der Dehnung, die zum Bruch des Fadens fĂŒhrt, wĂ€hrend die ZĂ€higkeit proportional zur FlĂ€che unter der Belastungskurve ist. Sie gibt die Energie an, die im VerhĂ€ltnis zum Querschnitt und zur LĂ€nge des Fadens aufgebracht werden muss, um einen Faden zum Reißen zu bringen.cite-ref-blamiressj-111-1[111]

Kernspinresonanzspektroskopie

Die Kernspinresonanzspektroskopie (NMR), besonders die 13C-Festkörper-Kernspinresonanzspektroskopie, liefert Informationen ĂŒber die Struktur und Dynamik der Spinnenseidenproteine auf molekularer Ebene. Die Konformation lĂ€sst sich etwa durch die Messung der chemischen Verschiebung bestimmen. Die Genauigkeit der Messungen lĂ€sst sich durch die Kombination mit Isotopenmarkierung erhöhen, etwa durch die FĂŒtterung der Spinnen mit 13C-markiertem Alanin.cite-ref-asakurat-112-0[112]

Circulardichroismus-Spektroskopie

Die Circulardichroismus-Spektroskopie, kurz CD- oder UV-CD-Spektroskopie, analysiert die Absorption von zirkular polarisiertem Licht in AbhĂ€ngigkeit von der WellenlĂ€nge. Sie wird zur Analyse der SekundĂ€rstruktur von Proteinen eingesetzt. Bestimmte SekundĂ€rstrukturen wie α-Helix, ÎČ-Faltblatt- oder Random-Coil-Strukturen zeigen charakteristische Maxima und Minima im UV-Bereich zwischen 250 und 160 Nanometern.cite-ref-kurreckj-113-0[113]

Raman-Spektroskopie

Die Raman-Spektroskopie wird verwendet, um einen strukturellen Fingerabdruck zu erstellen, anhand dessen MolekĂŒle identifiziert werden können. Sie beruht auf der inelastischen Streuung von Photonen, der sogenannten Raman-Streuung. Dazu wird ein monochromatischer Laser verwendet. Das Laserlicht interagiert mit MolekĂŒlschwingungen, Phononen oder anderen Prozessen im System, wodurch die Energie der Laserphotonen verschoben wird. Die Energieverschiebung liefert Informationen ĂŒber die Schwingungsmoden im System.cite-ref-kurreckj1-114-0[114] Mittels Raman-Spektroskopie lĂ€sst sich zum Beispiel die Entstehung von ÎČ-Faltblatt-Strukturen wĂ€hrend des Spinnprozesses nachweisen.cite-ref-giesat-89-3[89]

Röntgenbeugung

Die Röntgenbeugung war eine der ersten instrumentellen Methoden zur Untersuchung von Spinnenseide. Damit konnte gezeigt werden, dass es in den Spinnenseidenproteinen kristalline Bereiche gibt, die in eine amorphe Matrix eingebettet sind.cite-ref-marshre-24-1[24] Mittels Weitwinkel- und Kleinwinkel-Röntgenstreuung lassen sich unter anderem der KristallinitĂ€tsgrad von Seidenpolymeren bestimmen. Kleinwinkel-Röntgenstreuung eignet sich auch zur Ermittlung von Konformationen und der Änderung in Lösung.cite-ref-kurreckj2-115-0[115] Damit konnte etwa gezeigt werden, dass die Major-Ampullate-Seide von lebenden Nephila bereits am Ausgang der SpinndĂŒse ÎČ-Faltblatt-Poly-Alanin-Kristallite enthĂ€lt.cite-ref-riekelc-116-0[116]

Literatur

‱ M. Heim, D. Keerl, T. Scheibel: Spinnenseide: vom löslichen Protein zur außergewöhnlichen Faser. In: Angewandte Chemie. 121.20, 2009, S. 3638–3650, doi:10.1002/ange.200803341
‱ Stefanie Wohlrab, Christopher Thamm, Thomas Scheibel: The Power of Recombinant Spider Silk Proteins. In: T. Asakura, T. Miller (Hrsg.): Biotechnology of Silk, Biologically-Inspired Systems 5. Springer Science & Business Media, Dordrecht, 2014, S. 179–201, doi:10.1007/978-94-007-7119-2 10.
‱ T. Lefùvre, M. Auger: Spider silk as a blueprint for greener materials: a review. In: International Materials Reviews. 61.2, 2016, S. 127–153, doi:10.1080/09506608.2016.1148894.
‱ Wolfgang Nentwig u. a. (Hrsg.): Spinnen – Alles, was man wissen muss. Springer Nature, 2022, ISBN 978-3-662-63397-7.

Weblinks

Commons

: Spinnenseide

– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Wiktionary: Spinnenseide

– BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

‱ BBC Earth: Real-Life Spider Shoots Web 25 Metres Long! auf YouTube, 25. Juni 2017, abgerufen am 19. MĂ€rz 2025 (Laufzeit: 4:08 min).
‱ BBC: Spider Web Fishing – South Pacific auf YouTube, 9. Juni 2009, abgerufen am 19. MĂ€rz 2025 (Laufzeit: 2:29 min).

Einzelnachweise

cite-note-guy-11. ↑ Y. Gu u. a.: Mechanical properties and application analysis of spider silk bionic material. In: e-Polymers. 20.1, 2020, S. 443–457, doi:10.1515/epoly-2020-0049.
cite-note-newmanj-22. ↑ James Newman, Catherine Newman: Oh what a tangled web: the medicinal uses of spider silk. In: International Journal of Dermatology. 34.4, 1995, S. 290–292, doi:10.1111/j.1365-4362.1995.tb01600.x.
cite-note-dalzellp-33. ↑ P. Dalzell, T. J. H. Adams, N. V. C. Polunin: Coastal Fisheries in the Pacific Islands. In: A. D. Ansell, R. N. Gibson, Margaret Barnes (Hrsg.): Oceanography and Marine Biology: an Annual Review. Bd. 34, UCL Press, London, 1996, ISBN 978-0-203-50126-9, S. 407.
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